Über die Würde

Kann Yoga eine würdevolle Entwicklung des Menschen unterstützen?


„Kann Yoga eine würdevolle Entwicklung des Menschen unterstützen?“ „Wie kann die Würde des Menschen durch Yoga gefördert werden?“ Eine Möglichkeit ist, wenn Sie die Übungen mit geeigneten Gedanken praktizieren, können Erlebnisformen entstehen, die Ihnen, die verschiedenen Aspekte der Würde des Menschen näherbringen

Zwei Formen der Würde

Die Würde kann aus zwei Richtungen gesehen werden. Zum einen die Würde, die jedem Menschen zusteht. Sie wird zum Beispiel verletzt, wenn ein Mensch betrogen, beleidigt oder verleumdet wird. Die andere Form von Würde, ist eine ausstrahlende, für andere Menschen erbauende Kraft, die sich der einzelne Mensch erst erarbeiten muss. Sie beruht auf verwirklichten idealeren Werten. Diese zweite Form der Würde soll Thema dieses Seminares sein. Ziel des Seminares ist es, dass der Begriff Würde so belebt wird, dass er die Kraft hat, den Teilnehmer selbst nach Würde streben zu lassen.

Zwei Formen des Denkens

Bei dem Erarbeiten des Begriffes „Die Würde“ kann auf die Unterscheidung von zwei verschiedenen Formen des Denkens hingewiesen werden. Das eine Denken ist gesammelt, konkret und intensiv zur Sache hingerichtet wie ein Wassertropfen, der sich auf einem Blatt nach einem Regen sammelt. Das andere Denken ist mehr von Emotionen ergriffen und ist wie sich zerstäubendes Wasser in der Luft. Es gleitet in utopische Höhen und setzt nicht an der Sache, sondern an den eigenen Wünschen und Emotionen an. Es ist aus- und abschweifend.

Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Jemand setzt sich mit dem Apfel auseinander. Er liest, erkundigt sich über Geschichte und kulturelle Bedeutungen, beobachtet ihn im Jahreslauf, isst, probiert Koch- und Backrezepte, macht sich kundig über die Heilwirkungen usw.. Dann wird er naturgemäß über die Zeit eine andere inniglichere Beziehung zum Apfel bekommen. Und den Wert des Apfels authentisch vertreten können. Sein Denken ist aber immer zur Sache des Apfels gerichtet. Er schweift nicht in utopische Höhen ab, die keinen Bezug zur Realität haben.

Wenn der Mensch aber zum Beispiel denkt, der Apfel ist so wunderbar und ich könnte mir nicht vorstellen ohne Äpfel zu leben, ich liebe Äpfel…., dann haben wir keinen konkreten Anhaltspunkt zum Apfel. Das Denken ist eigentlich kein Denken, sondern sich verflüchtigende Emotionen, die einem keine wirkliche innere Beziehung zur Sache geben. Der Mensch setzt mit seinem Denken nicht beim Apfel an, sondern bei seinen Emotionen.

So ist das gesammelte Denken ein höchst aktives, das sich immer zur Sache ausrichtet. Wenn wir jetzt an der Tugend der Würde arbeiten ist das etwas komplexer geht aber den gleichen Weg.

Heinz Grill hat in dem Buch „Übungen für die Seele“ Eine Übung konzipiert, die heißt: „Die Entwicklung eines praktischen Denkens für die Verwirklichung von Tugendkräften und Seelenfähigkeiten.“ Hier wird dieser Vorgang ausführlich erklärt.

Wortherkunft – Etymologie

Etymologisch (Von der Wortherkunft gesehen) stammt das Wort Würde von dem Wort Wert ab, dieses von werden und dieses wiederum von wenden. (Aus dem etymologischen Wörterbuch Duden)

Würde – Wert – werden – wenden

Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch eine ausstrahlende Würde entwickeln kann, so basiert diese entwickelte Würde auf Werten, die sich der Mensch erarbeitet hat. Jede Entwicklung basiert auf einem Werden (zu etwas). Wir können sagen, um zu einer ausstrahlenden Würde zu gelangen, bedarf eines selbstbestimmten Werdens zu edleren Werten. Das Wort wenden erscheint auf den ersten Blick nicht ganz stimmig, denn es soll die Grundlage bilden für „werden“. Sieht man das Wort aber vom Entwicklungsgedanken aus gesehen, benötigt jedes Werden ein Heraustreten aus bindenden Gewohnheiten, aus Abhängigkeiten, aus Stagnationen eine Art Umkehr, ein Umwenden, bzw. abwenden. Der Mensch wendet sich von etwas Altem hinweg und zu einer ganz neuen Richtung hin.

Man könnte sich gut vorstellen, dass man im großen Strom mitschwimmt. Aber um sein selbstbestimmtes und auch sozial förderliches Leben zu führen, bedarf es einer Art bildhaft vorstellbarer Umwendung. Man muss sozusagen gegen den Strom schwimen, oder ihn jedenfalls verlassen.

Die Interessengemeinschaft „Mensch & Leben“, http://mensch-leben.de/events/kategorie/begegnungsraeume/ hat „die Würde des Menschen“ als übergeordnetes Herbstthema 2022 genommen.

Die Werte

Werte, die den Menschen zur Würde erheben gibt es viele. Hier sind einige aufgeführt die im Rahmen eines Seminares zusammengetragen wurden. Sie veredeln den Menschenund geben ihm eine wirkliche würdevolle Ausstrahlung. Immer bedarf es eines Werdens hin zu der Entwicklung von Werten.

  1. Die Fähigkeit sich wahrnehmend, freilassend und unvoreingenommen in eine Begegnung zu begeben.
  2. Überblick, Ruhe, Überlegtheit, unabhängiges Urteil
  3. die Fähigkeit wertzuschätzen, dem Mitmenschen auf Augenhöhe zu begegnen, mit einem tragfähigen Gedankeninhalt durch Leben gehen.
  4. Ruhe, Reflektionsfähigkeit und damit die Fähigkeit besser zu den Dingen des Alltag in Beziehung zu treten.
  5. eigenständiges, unabhängiges Denken und Handeln.
  6. die Kraft zur Aufrichtigkeit, den Mut zur Wahrheit, den Mut Stellung zu beziehen.
Asana – Körperübungen des Yoga

Übungen, die die oben genannten Gedanken ausdrücken

Die Übung der Fisch bedarf einer Vorstellung einer differenzierten Anspannung zwischen den Schulterblättern, bei gleichzeitiger Entspannung von Kopf und Beinen. Dies führt zu Wachheit und Gegenwärtigkeit während der Ausführung.

Wenn man eine Yogaübung ausführt, ist es wichtig immer wieder neu zu beginnen. Jedesmal ist die Übung anders und auch die gedankliche Begleitung unterscheidet sich von den vorherigen Malen. Es wiederholt sich nie etwas genau gleich. Man geht also nicht aus der Gewohnheit in die Übung, sondern stellt sie sich wie neu vor Augen, um sie dann nach dem vorgestellten Bilde auszuführen. Damit kann das Bewusstsein gegenwärtig und wahrnehmend die Ausführung begleiten. Mit dieser Wahrnehmungsfähigkeit können wir uns auch in der Begegnung Menschen gegenüberstellen. Dieses kann ungf. Punkt 1 der Wertetabelle zugeordnet werden.

Durche eine geeignete Vorstellung, kann man während des Übens diese Vorstellung bewahren und sich mit dem Bewusstsein freier dem Körper gegenüber stellen. Damit ist ein erster Überblick gegeben, die Handlung bleibt überlegt und ruhig bei gleichzeitiger Intensität und Spannkraft. Dies könnte Punkt zwei der Wertetabelle zugeordnet werden.

Die Wachheit vom Haupte ausgehend. Sichtbar in der Übung die Kobra
Die Übung der Baum. Der Einzelne muss wach bleiben, damit er sein Gleichgewicht findet. Die Übungsstunde hat nahe der Burg Teck stattgefunden.

Ein Inhalt, der über den allgemeinen Nutzwert hinausgeht, gibt dem Übenden innere Anteilnahme und vertieft den Sinn des Übens. Wenn sich z. B. der Übende im Baum als aufrecht und wach erlebt, kann er damit sich bewusst werden, dass für das körperliche wie seelische Gleichgewicht der wache, wahrnehmende und auch korrigierende Überblick notwendig ist. Heute gibt es die Ansicht, wenn man die Augen schließt und sich nach Innen kehrt, käme man ins Gleichgewicht. Dies stimmt aber nicht. Bei der Übung ist wahrnehmbar, man verliert damit das Gleichgewicht. Auf Dauer verliert der Mensch mit solch einer, sich nach innen verlierenden Haltung, die Fähigkeit dem Leben wach und konkret zu begegnen und ist deshalb allerlei von innen aufsteigenden Emotionen, von außen kommenden Beeinflussungen und Suggestionen und Ungleichgewichten ausgesetzt. Diese Übung könnte mit Punkt drei der Wertetabelle in Beziehung gesetzt werden.

Reflektion stärkt das Erinnerungsvermögen und die Lernerfahrungen können aktiver eingeprägt und weiter entwickelt werden. Wenn vor den Übungen eine Vorstellung von der Übung aufgebaut wird und nach der Übung nochmals darüber reflektiert wird, ob das Vorgenommene sich erfüllt hat, führt diese Art des Übens zu einer Souveränität, Sicherheit und zu einer Stabilität im Denken. Dies entspricht in Teilen dem Punkt 4 auf der Wertetabelle.

Bei allen Übungen ist es wichtig, dass der Einzelne nicht nur nachahmt, sondern wirklich eigenständig sich die Übung erarbeitet und damit selbstbestimmt die Übung ausführen kann. Gerade der Unterschied zwischen mitschwimmen und Nachahmung im Unterschied von eigenständigem Entscheiden und Handeln ist gerade im Bereich der Würde sehr groß. Um eigenständig Entscheiden und Handeln zu können, bedarf es der gedanklichen Auseinandersetzung mit der Übung, dem Problem, der Aufgabe. Dies könnten wir Punkt 5 zuordnen.

Die aufstrebende Spannkraft ist gut sichtbar. Das Bild wurde im Morgengrauen auf dem Jusi aufgenommen.

Ein kraftvoller, freier Einsatz, mit gelösten Schultern umd freiem Atem, unabhängig ob es einem schwer oder leicht fällt, fördert die Kräfte zu Aufrichtigkeit und die Unabhängigkeit von den ziehenden Kräften des Körpers und der Psyche. Dies entspricht dem Punkt 6.

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