Gewaltlosigkeit – Ahimsa

Eine Annäherung an den Begriff „AHIMSA“

Heinz Grill hat in seinem Buch „Übungen für die Seele“ mit der 4. Seelenübung eine Anleitung gegeben, wie wir uns eine klarere Anschauung zu Begriffen erarbeiten können:

„Die Annäherung an die energetische, seelische und geistige Substanz von Begriffen.“

Dieser Text versucht der Anleitung zu folgen.

Ahimsa ist ein Begriff der Sanskrit Sprache und beutet soviel wie „Nicht-Verletzen“, „Gewaltlosigkeit“, das heißt keinem Lebewesen Schaden zufügen.

Was beinhaltet das Wort Gewalt?

Dieses Wort lässt sich zurück verfolgen auf das althochdeutsche „giwalt“, aus dem 8. Jahrhundert, ein Begriff, der Macht, Herrschaft und Stärke ausdrückt.

Das Verb „waltan“ steht für walten, herrschen, stark sein. Es beschrieb die Fähigkeit oder die Befugnis über jemanden oder etwas zu bestimmen.

In welchem Zusammenhang wird der Begriff Ahimsa in der Sanskrit Sprache verwendet?

Im Yogaweg des Raja-Yoga steht Ahimsa an erster Stelle der Yama, der 5 Enthaltungen.

Die Yogapraxis des Raja-Yoga, Raja bedeutet König oder Herrscher, möchte die Entwicklung der seelischen Fähigkeiten eines Menschen fördern.

Die 5 Enthaltungen, Yama, bilden die erste Stufe auf diesem Entwicklungsweg.

Wie können wir im täglichen Leben das Ideal der Gewaltlosigkeit verwirklichen?

Jeder Mensch lebt in einem Umkreis von Mitmenschen, der Natur, den vielfältigen Phänomenen der Welt. Er kann sich entscheiden bewusster seine Umgebung wahrzunehmen oder unbewusster reagieren.

Eine konkrete, objektivere, an der Sache orientierte Wahrnehmung, die nicht aus dem eigenen Gefühls- und Willensbereich spontan aufwallt, ermöglicht ein Denken, das nicht nur egoistischen Interessen dient, sondern das Wohl der Mitmenschen mit einbezieht.

Im unserem Denken und Fühlen lernen wir die projezierenden, spontan fühlbaren Empfindungen, die aus uns selbst kommen, zu unterscheiden von wahreren Gefühlen, die aus objektiverer und konkreter Anschauung, verbunden mit einer gedanklichen Reflexion, entstehen.

In der Folge kann der Mensch erkennen, ob er aus einem übersteigerten, engen, egoistischen Willensimpuls tätig wird, oder aus einer umfassenderen Sicht, die eine Weiterentwicklung seiner Seelenkräfte ermöglicht und auch eine versöhnende und aufbauende Wirkung im Gegenüber wachsen lässt.

Heinz Grill erläutert in seinem Artikel „Schmähkritik im Verhältnis zu konstruktiver Kritik“ welche Folgen Gewalt oder Gewaltlosigkeit in sozialen Beziehungen haben.

Er nennt als Beispiel Mahatma Gandhi, der das Ideal der Gewaltlosigkeit, ahimsa, in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bereichen verwirklichte.

Gandhi unterschied zwischen den Menschen, die Indien besetzten, und der Besatzungspolitik der Engländer. Gegen diese Politik war seine Kritik gerichtet, nicht gegen die Personen.

Sein Ziel war die politische und staatliche Unabhängigkeit Indiens, sowie eine positive Entwicklung nicht nur für das indische, sondern auch für das englische Volk.

Mit dem Begriff „Schmähkritik“ bezeichnet Heinz Grill eine vernichtende, unsachliche Kritik an einer Person. Diese Person soll angeschwärzt, bewertet und vor anderen in ein verächtliches Licht gebracht werden. Beleidigende Kritik wertet Menschen in ihrem individuellen Vermögen ab und ermöglicht dem anderen keine Möglichkeit zur Weiterentwicklung.Damit beginnt eine unsachliche Beziehung.

Das Gegenbild dazu ist eine „konstruktive Kritik“, die in einem sachbezogenen, thematischen Zusammenhang begründet ist. Diese Kritik vermindert nicht das Persönliche, sondern beleuchtet die geäußerten Worte, Handlungen und Erscheinungen.Das Motiv zu dieser Kritik ist nicht mehr den anderen zu schädigen, sondern eine inhaltliche Richtigstellung, Verbesserung, Erweiterung, Erklärung und ein besseres Verständnis für ein Thema in einem größeren Zusammenhang zu erreichen.Durch die konstruktive Kritik bekommt die kritisierte Person eine Möglichkeit zu einem Bewusstseinsaufbau und einer Weiterentwicklung.

Eine Form der Dreigliederung ist für jede konstruktive Kritik wichtig.

Eine kritische Betrachtung erfordert eine objektive und auch emphatische Beziehung zum anderen Menschen und eine sachliche Erforschung des Themas. Drittens sollte die Beziehung des Menschen, der die Kritik anbringt, zu sich selbst möglichst objektiv sein.

Diese Bewusstseinsarbeit führt nicht zur Trennung der Menschen. Erste Bausteine werden gebildet zu einer objektiveren, geordneteren und wahreren Beziehung und für ein friedvolles menschliches Zusammenwirken.

Rudolf Steiner beschreibt in seinem Grundlagenwerk „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ Verhaltensweisen, die Gewaltlosigkeit erkennen lassen, auch wenn er den Begriff „Ahimsa“ nicht namentlich nennt.

Zitate aus seinem Grundlagenwerk:

„Das Bewusstsein des Menschen, der nach höheren Erkenntnissen strebt, sollte sich mit Gedanken füllen, die Achtung, Verehrung gegenüber Welt und Leben enthalten.“

„Jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreibt die Kräfte der Seele zur höheren Erkenntnis, Ehrfurcht führt zur Entwicklung.“

Wir lernen unsere Mitmenschen in anderer Gestalt als vorher zu sehen.

„Die Selbsterziehung muß dahin gehen, die volle Selbstgeltung eines jeden Menschen uneingeschränkt zu schätzen und das als etwas Heiliges, von uns Unantastbares – auch in Gedanken und Gefühlen – zu betrachten, was in dem Menschen wohnt.“

Jeder Mensch, der sich ernsthaft und durch wiederholendes tägliches Üben auf den Weg macht, seine Seelenkräfte zu ordnen und zu erweitern, kann auch zu einem objektiveren und friedlicheren Miteinander beitragen.

Verwendete Quellen:

Aurorawiki, Anthrowiki, Yogawiki

Heinz Grill „Übungen für die Seele“ https://stw-verlag.de/produkte/uebungen-fuer-die-seele-neu/

Heinz Grill, Artikel vom 21.05.2025 „Schmähkritik im Verhältnis zu konstruktiver Kritik“

Rudolf Steiner „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“

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